Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Projekt "Forum Arbeitswelten" - seine Teilprojekte: Infoexchange, Begegnungen und Publikationen Health and Safety tools to ensure fundamental safety standards and improve working conditions. Austausch vom 8.-15.Dezember 2010 in He-Yuan, Shenzen und Hong Kong

Health and Safety tools to ensure fundamental safety standards and improve working conditions. Austausch vom 8.-15.Dezember 2010 in He-Yuan, Shenzen und Hong Kong

Ein Bericht von TIE Internationales Bildungswerk e.V.

Teilnehmer aus dem Ausland waren Mara Lira, Vorstandsmitglied des nationalen Nahrungsmittelgewerkschaftsverbands CONTAC-CUT Brasilien und nationale Koordinatorin des internationalen Gesundheitsprojekts VidaViva sowie Dr. Heiner Köhnen, TIE Bildungswerk Deutschland und Koordinator des internationalen Gesundheitsprojekts VidaViva. Teilnehmer aus China waren 19 TeilnehmerInnen von 13 Arbeits- und Menschenrechtsgruppen aus Hong Kong und Festland-China, die zum Thema Arbeits- und Gesundheitsschutz arbeiten.

Im Mittelpunkt des Austauschs stand ein 3tägiger Workshop zu Arbeitsschutz und Gesundheit vom 9.-11. Dezember 2010 in He-Yuan sowie ein kleineres Austauschprogramm vom 12.-13. Dezember in Shenzen und Hong Kong.

Erwartungen und vorbereitende Aktivitäten des TIE Bildungswerkes e.V.

Arbeits- und Gesundheitsschutz ist innerhalb des internationalen TIE-Netzwerkes das größte Projekt, an dem Gruppen aus Deutschland, Mexiko, Brasilien u.a. lateinamerikanische Ländern, aus Südafrika, Mosambik, Nigeria aktiv beteiligt sind. Das Thema hat sich als außerordentliches Mobilisierungsthema zu politischen Fragestellungen, zur Mobilisierung und Veränderung von Arbeitsbedingungen herausgestellt. Zudem gilt es in vielen Ländern als ‚unpolitisch’, was erlaubt auch in repressiven Kontexten mit Beschäftigten agieren zu können. Dies ist auch in China der Fall, wo es NGOs zu diesem Thema möglich ist, mit Beschäftigten direkt und legal zu arbeiten. Die Erwartung von Gruppen des VidaViva-Netzwerks sowie von chinesischen Gruppen war es, einerseits internationale Erfahrungen über Gesundheitsarbeit auszutauschen und zu vermitteln sowie andererseits einen Prozess zu beginnen, in dem Erfahrungen, Bildungs- und Mobilisierungserfahrungen ausgetauscht und konkrete Bildungsinstrumente weiter entwickelt werden können.

Bereits im Vorfeld wurden über AMRC und GM Erfahrungen und Fragestellungen ausgetauscht, so dass diese für den Workshop konkretisiert werden konnten (Umgang mit Unfällen, Schuldzuweisungen bei Unfällen, Druck auf Beschäftigte, Überstunden, individuelle und kollektive Schutzmaßnahmen, Gefährdungsbeurteilungen, Motivation etc). Ebenso wurde verschiedenes Bildungsmaterial auf englisch (aus dem portugiesischen) übersetzt, eine chinesische Übersetzung erfolgt zum Teil in 2011. Einige Materialien (Kurzvideos ohne Text) wurden bereits zuvor verschickt. Auf dem Seminar wurden gegenseitig Bildungsformen durchgespielt und gemeinsam erlebt, daraufhin gemeinsam evaluiert und überlegt, was in chinesischen Kontexten genutzt werden kann und wo gemeinsame, neue Fragestellungen entstehen bzw. gemeinsam Materialien weiter entwickelt werden sollten.

Inhalte des Workshops

Zu Beginn ging es darum zu diskutieren, wie die jeweiligen Gruppen in China und im Rahmen von VidaViva Gesundheit thematisieren. In einer kurzen Evaluierung gab es zunächst Gemeinsamkeit darin, dass bei Gesundheit mehr als die Abwesenheit von Krankheit begriffen wird und dass es allen anwesenden Gruppen darum geht, Gesundheit im Sinne eines würdigen und besseren Lebens zu thematisieren.

Allerdings gab es auch wesentliche Unterschiede. Aus verschiedenen Gründen arbeiten die chinesischen NGOs insbesondere an Themen wie juristische Rechte, Entschädigung, rechtliche und medizinische Unterstützung, individuelle und kollektive Schutzmaßnahmen. Themen der Prävention wie Einflussnahme auf Arbeitsbedingungen, Methoden zur Untersuchung von Arbeitsbedingungen, Unternehmensstrategien und aktive Strategien zur Beeinflussung von Arbeitsbedingungen sind eher Themen von VidaViva und in geringerem Maße die der chinesischen NGOs (mit Ausnahme des China Labor Support Network).

Dies liegt zum Teil darin begründet, dass NGOs im Unterschied zu Gewerkschaften nicht einfach Verhandlungen mit Unternehmen über Arbeitsbedingungen führen können und politisch in ihren Handlungsmöglichkeiten immer wieder beschnitten werden. Sehr anschaulich berichteten die TeilnehmerInnen über ihre Arbeit im Rahmen von Hotlines für ArbeiterInnen, Besuchen im Krankenhaus, ihrer Öffentlichkeitsarbeit und ihres Druck auf die Regierung, ihrer Informationsarbeit über Arbeitsrechte, Unterstützung von kranken Beschäftigten und Unfallopfern sowie ihrer Familien, der Bereitstellung von Möglichkeiten des Austausch zwischen Beschäftigten zu dem Thema. Erstes Ergebnis war, dass wir uns dadurch versichern konnten, dass das Thema Gesundheit eine zentrale Fragestellung und Thema für die Gruppen in China ist. Die Teilnehmer äußerten ebenfalls den Bedarf und das Interesse, das Thema Prävention stärker in ihre Arbeit zu integrieren.

Im Anschluss wurden Methoden und Arbeitsinstrumente von VidaViva u.a. Gruppen vorgestellt, durchgespielt (also nicht nur darüber geredet, sondern auch ausprobiert und ‚erlebt’) und ihre Anschlussfähigkeit für die chinesische Realität und Gruppen evaluiert. Dadurch wurden Arbeitssituationen, Probleme von ArbeiterInnen und verschiedener Gruppen (NGOs und Gewerkschaften in der verschiedenen Ländern) für alle anschaulich und verständlich. Unterschiedliche Managementmethoden etwa, die bei der mündlichen Vorstellung den chinesischen Teilnehmern zunächst fremd erschienen, waren plötzlich gar nicht mehr so fremd, nachdem sie über Bilder, Zeichnungen, Theater etc. ‚erlebt’ wurden.

Elemente der Diskussion:

 

Raio
Raio ist ein audio-visuelles Instrument, in dem Kurzfilme, Rollenspiele und bestimmte Fragestellungen als Anreißer und Provokationen für die Diskussion genutzt werden, um das Thema Gesundheit zu problematisieren. Es soll ein Raum geschaffen werden, in dem ArbeiterInnen Erfahrungen diskutieren, eigene Erfahrungen wertschätzen, Widersprüche wahrnehmen, diskutieren und Handlungsmöglichkeiten entwickeln. Es wurden 2 Kurzfilme vorgestellt, für die eine chinesische Übersetzung vorbereitet war, sowie mehrere Rollenspiele ausprobiert.

Themen der Diskussion waren Arbeitszeiten (vermittelt über Interviews mit Kindern von ArbeiterInnen in Brasilien und Mosambik zur Arbeit ihrer Eltern), Dimensionen von Gesundheit, Ausbeutung, Strategien von Unternehmen etc. Das Instrument wurde sehr lebhaft und positiv aufgenommen, da es gelang selbst über Sprachbarrieren hinweg eine intensive Diskussion zu ermöglichen. Die Teilnehmer entwickelten sofort eigene Ideen, einen Raio für China zu produzieren. Als Themen hierfür wurden u.a. benannt: Träume von ArbeiterInnen (Hausbau, Hochzeit, Erziehung der Kinder), Sehnsucht und Trauer entfernt von der eigenen Familien zu leben, Menschen- und Bürgerrechte für WanderarbeiterInnen, Arbeitszeiten, Druck und Arbeitshetze, Schuldzuweisung, Diskriminierung, Belästigung, fehlende Würde, Gender-Diskriminierung, (fehlende) Macht und Einfluss, Empowerment.

Im Anschluss wurde auch ein Kurzfilm gezeigt, den chinesische Gruppen in ihrer Arbeit nutzen. Auch dieser wurde evaluiert und hinsichtlich einer möglichen Nutzung in anderen Ländern diskutiert.

Gesundheitsmapping

Mapping ist eine Methode, die sowohl Gruppen von VidaViva als auch Gruppen in China nutzen. Auf dem Seminar wurden die konkreten Umsetzungsformen vorgestellt und diskutiert. Bei der Evaluierung wurde allerdings deutlich, dass die Nutzung doch recht unterschiedlich ist. Während sie von chinesischen Gruppen nur zum Teil (genutzt wird vor allem die erste Phase des Körpermappings) und insbesondere zu Bildungszwecken eingesetzt wird, dient sie Gruppen von VidaViva insbesondere zur Organisierung und Entwicklung von konkreten Aktionsplänen. Es konnten dadurch in vielen Ländern, in denen VidaViva agiert, wichtige Erfolge hinsichtlich der Organisierung und Veränderung von Arbeitsplätzen über das Mapping gemacht werden. Die Ursache der unterschiedlichen Nutzung liegt zum einen darin, dass chinesische Gruppen Mapping insbesondere durch englische und amerikanische Gruppen kennen, die das Instrument ebenfalls vor allem zu Bildungs- und in geringerem Maße zu Organisierungszwecken nutzen. Zum anderen ist es ein Problem, dass chinesische NGOs im Unterschied zu gewerkschaftlichen Akteuren nicht direkt mit Unternehmen über Arbeitsbedingungen verhandeln. Es wurden daraufhin insbesondere Erfahrungen aus Mexiko diskutiert, wo VidaViva mit NGOs vergleichbaren Gruppen, sogenannten workers centern, in einem vergleichbar repressiven Kontext arbeitet. Auch diese nutzen die Mapping-Methode, entwickeln daraus allerdings auch Kampagnen und unterstützen Beschäftigte darin, selbsttätig in den Betrieben zu agieren.  

Dies war für die chinesischen Gruppen neu. Es wurden Möglichkeiten einer erweiterten Nutzung des Gesundheitsmappings diskutiert sowie vereinbart, Erfahrungen einer anderen Nutzung zukünftig auszutauschen und für chinesische Gruppen weiter zu entwickeln.

Gesundheitsseminar – Oficina de saude

Dies ist ein Instrument von VidaViva, das Rollenspiele und verschiedene Comics zur Aufklärung und Entwicklung von Handlungsmöglichkeiten zu Gesundheit und Analyse von Arbeitsunfällen und Managementstrategien nutzt. Auch hier war die Evaluierung der chinesischen Gruppen sehr positiv. Die meisten TeilnehmerInnen hatten eine solche Form von Bildungsarbeit noch niemals erfahren und waren deshalb sehr motiviert, diese Form des Kurses für China zu adaptieren. Als erste Schritte werden Texte und Vorgehensweisen auf chinesisch übersetzt. Danach soll es darum gehen, Texte, Vorgehensweise und Comics für den chinesischen Kontext zu adaptieren.

Einschätzung des Austauschs

Stärke des Austauschs war, dass bereits im Vorfeld ein ‚gemeinsames Thema’ gefunden wurde. Arbeits- und Gesundheitsschutz ist für viele Gruppen in China als auch im weltweiten TIE Netzwerk (Deutschland, Afrika, Lateinamerika) zentral. Bereits im Vorfeld hat es sich gezeigt, dass ein Austausch über konkrete Methoden möglich ist. Von daher war die Aktivität vor allem der Beginn eines Prozesses für eine weitere Zusammenarbeit und für die gemeinsame Weiterentwicklung der - in verschiedenen Ländern entwickelten - Gesundheitsarbeit.

Erschwerend ist die Tatsache, dass die NGOs aus Sicherheitsgründen für die AktivistInnen vor Ort nicht direkt besucht werden können. Dies erschwert ‚ausländischen AktivistInnen’ das Begreifen über die Arbeit der NGOs in China.

Im Unterschied zu früheren Begegnungen haben wir wesentlich mehr verstanden (im Sinne eines Dialogs, wo beide Seiten begreifen, wovon die anderen reden). Auch die TeilnehmerInnen aus China äußerten diesen Eindruck. Der Ansatz über ein gemeinsames Thema (Gesundheit) eine gemeinsame Perspektive bzw. Arbeitsebene zu finden hat funktioniert.

Schwierigkeiten gab es im Vorfeld, Portugiesisch-Dolmetscher zu finden. Unsere Seminarform war sehr partizipativ (Theater, direkte und schnelle Dialoge etc.), was durch die Übersetzerei nicht immer gelungen ist. Die TeilehmerInnen waren jedoch sehr geduldig, so dass es letztlich funktioniert hat. Dennoch bleibt das Problem der Übersetzung für diese Art der partizipativen Kommunikation in Zukunft ein Problem.

Wir haben sowohl Arbeitsmethoden von VidaViva (Fotoausstellungen, Raio, Mapping, Seminarformen, Theater etc.) als auch die der chinesischen Gruppen kennen gelernt. Ergebnis war zunächst, dass wir uns dadurch versichern konnten, dass das Thema Gesundheit und die Fragestellungen, die im Rahmen von VidaViva bearbeiten werden, tatsächlich auch zentrale Fragestellungen für die Gruppen in China sind und dass wir gegenseitig verstehen, über was wir sprechen!

Zweites Ergebnis war, dass die verschiedenen Instrumente von VidaViva als anschlussfähig für die Realität in China erlebt und evaluiert wurden. Damit ist der Beginn einer wirklichen Arbeitsebene gegeben (man bearbeitet ein gemeinsames Problem und entwickelt/verbessert eigene Organising-Methoden und Instrumente). Am Ende war großer Enthusiasmus bei allen TeilnehmerInnen über die Möglichkeit, gemeinsame Vorgehensweisen zu entwickeln.

Damit geht die Arbeit allerdings erst los. Wir sind dabei, Arbeitsmaterialien zu übersetzen inkl. einer Untertitelung eines Kurzvideos zu VidaViva. Danach ginge es gemeinsam mit chinesischen Gruppen darum, Materialien abzuändern, zu adaptieren und neu zu entwickeln sowie – soweit möglich- AktivistInnen chinesischer Gruppen in internationale Diskussionszusammenhänge zu integrieren. Es gab großes Interesse für die erweiterte Nutzung eines Gesundheitsmappings, das wie oben erwähnt in China und Asien aus verschiedenen Gründen eher als Bildungs- und nicht als Organising-Instrument genutzt wird. Hier gab es viele neue Ideen, Mapping auch als Organisierungsform in China einzusetzen. Weiteres Interesse gab es für die Entwicklung eines Raios (hierfür wurden bereits Thematiken gesammelt), die Nutzung verschiedener Elemente des Gesundheitsseminars (Oficina de saude, Theater, Rollenspiele etc.) sowie für die Entwicklung von Foto-Ausstellungen. Auch wir konnten Anregungen für unsere Arbeit erhalten. Bspw. lassen sich Kurzfilme, die in China eingesetzt werden, für andere Länder adaptieren. Auch die Praxis, von Kindern gemalte Bilder von Opferfamilien zu Propaganda  zu nutzen, lässt sich in anderen Ländern anwenden. Des weiteren gab es großes Interesse, an bestimmten Themen gemeinsam weiter zu arbeiten (Management-Methoden, kollektiver anstelle individueller Schutzmaßnahmen, Schuldzuschreibung bei Arbeitsunfällen, Handlungsmöglichkeiten etc.)

Es gab darüber hinaus weitere Ergebnisse. VidaViva wird Ende 2011 an einem Austausch von asiatischen Gesundheitsgruppen, deren Netzwerk über das AMRC organisiert wird, in Indien teilnehmen, um die Arbeit vorzustellen. Für VidaViva und die asiatischen Gruppen wäre eine Kooperation von großem Interesse. TIE konnten einen Kontakt zum Netzwerk ATNC (Asian Transnational Corporation Monitoring Network) aufbauen. Dadurch konnten im Rahmen des Projekts ExChains Kontakte zu Kambodscha gemacht werden (Massenentlassungen von Bekleidungsbeschäftigten, u.a. bei Zara und H&M). GBRs und BRs von Zara und H&M haben dadurch bereits direkte Kontakte mit Gewerkschaftern von Zulieferern in Kambodscha erhalten und sind seitdem dabei, beide Unternehmen aufgrund der Entlassungen unter Druck zu setzen. Mara Lira ist u.a. Gewerkschaftsführerin bei einem Werk von Nestle in Brasilien. Sie hat während des Austauschs die Gewerkschaft von Nestle und Coca Cola in Hong Kong besucht. Dadurch wurde Kontakt zwischen den Gewerkschaftsvertreterinnen beider Länder aufgenommen und in Brasilien Artikel über die Situation von Nestle in Hong Kong veröffentlicht.

Artikelaktionen