Die Hälfte des Himmels
Feminismus im chinesischen Alltag

Das Zitat „Frauen tragen die Hälfte des Himmels“ wird Mao Zedong zugeschrieben. Die KP Chinas hält nicht viel von selbstbewußt kämpfenden Frauen, wenn sie sich außerhalb des Allchinesischen Frauenverbands engagieren.
Die Bevölkerung auf dem Land gilt als konservativer als die der Städte. Doch die Frauen stehen bei den dortigen Auseinandersetzungen in der ersten Reihe.



In einigen "Männerberufen" arbeiten mehr Frauen als in Deutschland.
In Betrieben mit einer hauptsächlich weiblichen Belegschaft wird ebenso entschlossen wie in anderen Unternehmen gestreikt. Hier setzen Arbeiterinnen der Chenlong Electronics Co. Ltd. in Wuhan, Provinz Hubei am 31. Juli mit einer Arbeitsniederlegung die Nachzahlung ausstehender Löhne durch:
Frauen stellen sich quer:
Auseinandersetzung am 21.4.2025 an der Changqing Biotechnology Company:
Arbeiterinnen der Changqing Biotechnology Company kämpfen um ihren Protestbanner:








Autoritäre Bevölkerungspolitik
Das Informationszentrum 3. Welt hat Frauengesundheit und Bevölkerungspolitik in Indien und China verglichen und analysiert. Einige Auszüge:
Auch in China erzählen Bevölkerungskontrollprogramme eine nicht endende Geschichte von Zwängen, Bevormundung und Abstrafung von nicht-politikkonformem Reproduktionsverhalten. Die Ein-Kind-Familie war eine zutiefst patriarchale Biopolitik. Die Frauen trugen wegen des Mangels an Sexualaufklärung und Verhütungsmitteln durch häufige Abtreibungen zu einem späten Zeitpunkt und durch Sterilisationen das Gros der Lasten. (...)
Seit in China die demographische Dividende, also der Pool von Menschen im erwerbsfähigen Alter schmilzt, während die Zahl der Alten und damit das Betreuungsproblem schnell wächst, hat die Regierung eine rabiate Kehrtwende hin zu geburtenfördernder Politik gemacht. Mit der gleichen autoritären Anmaßung wie sie zuvor Verbote verkündete, propagiert sie seit 2013 eine Zwei-Kind-Politik als »qualitativ hochwertige« demographische Steuerung. Sie beklagt Individualismus und einen mangelnden Familiensinn, was sich in sinkenden Heiratsquoten und einer steigenden Scheidungsrate äußert. (...)
Die Resonanz auf diese pronatalistischen Steuerungsversuche war mickrig: Wegen der hohen Lebenshaltungs- und Bildungskosten entscheiden sich immer mehr junge Paare, unverheiratet und kinderlos zu bleiben.
Die MeToo Bewegung

Die MeToo Bewegung rollte mit ungeahnter Heftigkeit über das Land. Um diesen Begriff ist es ruhiger geworden, doch die Thematik ist als gesellschaftliches Problem anerkannt worden. Auseinandersetzungen um diese Problematik sind längst nicht nur in dem Medien, sondern auch an den Universitäten und in den Fabriken angekommen.
Femizide
Inzwischen hat auch eine Diskussion über Femizide in den Sozialen Medien begonnen. Das Beispiel des Frauenmordes von Mengcun zeigt, dass kein Tabuthema mehr ist und die Bevölkerung eines Dorfes die Hintergründe diskutiert und kollektiv eine Untersuchung und Konsequenzen fordert.
„Fall des Frauenmordes in Mengcun“
„Liu Mingyao erreichte bei der Aufnahmeprüfung für das College über 600 Punkte, entschied sich jedoch für ein normales College in Shijiazhuang, nur um mit Jin Hao zusammen zu sein, dessen Punktzahl kaum über 300 lag.“ „Keine zehn Tage nach ihrer Hochzeit schlug Jin Hao sie zum ersten Mal. Als Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft des Kreises Mengcun und ausgebildeter Sanda-Kämpfer (chinesisches Kickboxen) entschuldigte er sich wiederholt und versprach, damit aufzuhören, doch häusliche Gewalt wurde zur Normalität in ihrer Ehe.“
(...) Am 24. August versammelten sich Hunderte Menschen im Dorf Xizhaohe im Kreis Mengcun in Hebei und hielten Transparente mit der Aufschrift „Jin Haos Familie muss für Mord mit ihrem Leben bezahlen“. Sie forderten Gerechtigkeit für eine junge Frau, die von ihrem Ehemann brutal ermordet worden war. Das Opfer, Liu Mingyao, wurde nach jahrelanger häuslicher Gewalt von ihrem Ehemann Jin Hao zu Tode geprügelt. Der Fall enthüllte nicht nur den tragischen Verlauf einer Campus-Liebe zu häuslicher Gewalt und Mord, sondern warf auch ein öffentliches Licht auf die geheimen Machenschaften einer mächtigen Familie vor Ort und der staatlichen Behörden.
(...) Was wie ein romantisches „Opfer für die Liebe“ aussah, zerbrach nach der Hochzeit schnell. Lius Tante erinnerte sich, dass Jin sie innerhalb von zehn Tagen nach der Hochzeit zum ersten Mal schlug. (...) Nach der Hochzeit kündigte Liu ihren Job, um Vollzeitmutter zu werden. Als sie versuchte zu arbeiten und ihre Unabhängigkeit wiederzuerlangen, hielt Jin sie davon ab und bezeichnete es als „beschämend“. Er kontrollierte auch die Haushaltsfinanzen. (...) Am frühen Morgen des 22. August kam Jin nach einem Drink nach Hause und schlug Liu stundenlang. Überwachungsaufnahmen zeigten bereits bei der Rückfahrt (...) Gewaltspuren.(...) Der langandauernde Angriff führte bei Liu zu Wirbelsäulen-, Rippen- und Schädelbrüchen; eine Rippe durchbohrte ihre Lunge. Schmutz unter ihren Nägeln deutete darauf hin, dass sie sich in verzweifeltem Kampf an den Wänden festkrallte. Nach dem Angriff schlief Jin ein und rief erst am nächsten Morgen um 7:08 Uhr den Notdienst. Als Liu um 7:41 Uhr im Krankenhaus ankam, hatte sie weder Herzschlag noch Atmung. „Ihr Körper war bereits kalt, die Wiederbelebung war fehlgeschlagen“, sagte ein Freund. Lius Vater war sprachlos: „Hätte er mitten in der Nacht die Notrufnummer 120 angerufen, wäre meine Tochter nicht tot.“
Auch Jins Eltern hätten die Tragödie verhindern können. Sie waren während des Vorfalls anwesend und nahmen das Kind mit, stoppten die Gewalt jedoch aus unbekannten Gründen nicht.
Die Vorgehensweise der Polizei schürte den öffentlichen Verdacht auf Korruption und Ungerechtigkeit weiter: Verzögerte Reaktion: Lius Vater rief am 22. August um 7:49 Uhr die Polizei, doch die Polizeiwache Chengguan zögerte und übergab den Fall an die Kriminalpolizei. Dadurch verging fast eine Stunde. (...) Die Polizei hinderte Familienmitglieder daran, die Wohnung zu betreten, mit der Begründung, sie könnten den Tatort „kontaminieren“. Jins Mutter, Frau Zhang, durfte jedoch ungehindert eintreten. Die Familie vermutet, dass sie den Tatort gereinigt hatte, und es wurden Wischspuren gefunden.
(...) Obwohl Lius Körper offensichtliche Verletzungen aufwies, stellte das Krankenhaus zunächst eine Sterbeurkunde mit der Diagnose „Herzinfarkt“ aus. Die Polizei nahm Jin erst am 24. August aufgrund öffentlichen Drucks fest. An diesem Tag gab das Amt für öffentliche Sicherheit des Kreises Mengcun bekannt, Liu sei an einem „Schädel-Hirn-Trauma durch stumpfe Gewalteinwirkung“ gestorben. Jin Hao wurde ebenso wie seine Mutter, Frau Zhang, wegen mutmaßlicher Zerstörung und Fälschung von Beweismitteln verhaftet. Inzwischen wurden Online-Beiträge und Berichte über den Fall massenhaft gelöscht. Lokale Internetnutzer wurden sogar von der Polizei gewarnt: „Wenn Sie es nicht löschen, werden Sie verhaftet.“ Die Zensur verstärkte die öffentliche Wut und das Misstrauen nur noch. Was als Empörung über häusliche Gewalt begann, weitete sich zu Zweifeln an der Gerechtigkeit der lokalen Justiz und der öffentlichen Behörden aus. Für viele ist Liu Mingyaos Tod nicht nur eine Tragödie häuslicher Gewalt, sondern auch ein Spiegelbild der Verletzlichkeit von Frauen in Ehen, Institutionen und festgefahrenen Machtstrukturen. Auf Plattformen wie Weibo, Douyin und Xiaohongshu archivierten und reposteten Internetnutzer trotz weit verbreiteter Löschungen weiterhin Beiträge und forderten: „Ermittelt gründlich und stellt wieder Gerechtigkeit her.“
Yesterdayprotests 27.August 2025
Nach dem öffentlichen Druck berichteten auch große Medien über den Fall:
Ehemann und Schwiegermutter nach Tod einer Frau durch mutmaßliche häusliche Gewalt festgenommen
Zwei Personen wurden in Nordchina festgenommen, nachdem eine 25-jährige Frau mutmaßlich durch häusliche Gewalt gestorben war, wie die lokalen Behörden am Sonntag mitteilten.
Die Frau mit Nachnamen Liu starb an einer durch stumpfe Gewalt verursachten Schädel-Hirn-Verletzung. Eine forensische Untersuchung bestätigte, dass sie zum Zeitpunkt des Vorfalls nicht schwanger war, so die Erklärung des Amtes für öffentliche Sicherheit des Autonomen Kreises Mengcun Hui, Cangzhou, Provinz Hebei.
Ihr Ehemann, 26, mit Nachnamen Jin, wurde wegen des Verdachts der Verursachung ihres Todes in Untersuchungshaft genommen. Ihre Schwiegermutter, Zhang, 48, wurde ebenfalls wegen mutmaßlicher Beihilfe zur Vernichtung oder Fälschung von Beweismitteln festgenommen.
ChinaDaily 29.8.2025
Am 29. August wurde Liu Mingyao, das Opfer des „Femizids“ in Mengcun, Hebei, beigesetzt. Obwohl die Behörden in den frühen Morgenstunden eine große Zahl Zivilbeamter zur Bewachung des Ortes einsetzten, kamen Tausende Internetnutzer, um sich von ihr zu verabschieden. Wer versuchte, am Tatort Fotos zu machen, wurde von den Zivilbeamten aufgehalten, und die wenigen online hochgeladenen Videos wurden umgehend gelöscht.
