September 2, 2022

Aus Protest: Essenskurier sticht auf sich ein

Das China Labour Bulletin berichtet über eine Verzweiflungsat

Aus Protest: Essenskurier sticht auf sich ein

Lieferservice-Fahrer sticht auf sich ein aus Protest gegen Geldstrafen und unbezahlte Löhne

Zwei Jahre nach der online Untersuchung "Delivery Drivers, Trapped in the System" (Lieferfahrer, gefangen im System) hat es in der Branche kaum regulatorische Änderungen oder eine gewerkschaftliche Vertretung für die offensichtlichen Bedürfnisse der Beschäftigten gegeben. (...)
Im Internet kursierende Videos zeigen die grausame Szene, die sich in der Stadt Taizhou in der Provinz Zhejiang ereignete. Auf den Videos ist zu sehen, wie der Fahrer in einer Blutlache am Straßenrand liegt, neben einem leeren Fahrrad, das mit zwei blauen Ele.me-Transportkisten beladen ist. Die Polizei teilte den lokalen Medien mit, dass die Verletzungen des Fahrers nicht tödlich waren. Ein Krankenwagen war vor Ort, und auf dem Video ist zu sehen, wie das medizinische Personal den Fahrer versorgt.
Schaulustige, die die Videos aufgenommen hatten, sprachen mit lokalen Medien. Ein Passant mit dem Nachnamen Lin sagte, der Fahrer habe seinen Job aufgeben wollen, aber sein Chef in der Zustellstation habe ihm den Lohn nicht auszahlen wollen und zudem eine Geldstrafe verhängt. Lin sagte, der Fahrer (...) habe gesagt, er sei mit der Geldstrafe von über 1.000 Yuan nicht einverstanden.
Das chinesische Arbeitsrecht schreibt eine Kündigungsfrist von 30 Tagen vor, und wenn diese Frist nicht eingehalten wird, kann der Arbeitgeber nur mit Mühe nachweisen, dass er ein Geschäft verloren hat. Daher ist der Lohnabzug rechtswidrig, und auch die Geldstrafe ist vermutlich ungültig.
Laut Lin sagte der Stationsmanager dem Fahrer, dass er den Fall vor den örtlichen Schlichtungsausschuss für Arbeitskonflikte bringen könne, wenn er mit der Geldstrafe nicht einverstanden sei. Stattdessen stach der Fahrer an Ort und Stelle dreimal auf sich selbst ein.
Der Stationsleiter sprach auch mit den lokalen Medien in Taizhou und erzählte eine andere Version der Ereignisse. Nach Angaben des Managers war der Fahrer wegen seines Streiks und nicht wegen seiner fristlosen Kündigung mit einer Geldstrafe belegt worden.
Es ist nicht klar, ob der Fahrer an einem individuellen oder kollektiven Streik teilgenommen hat oder wann dieser Streik stattgefunden haben könnte, aber Streiks von Zustellern sind in China üblich. Die Streikkarte von CLB verzeichnete im vergangenen Jahr mehr als ein Dutzend Streiks bei Lebensmittellieferungen, fast ausschließlich bei Ele.me und Meituan. (...)
In einer kürzlich durchgeführten Untersuchung von mehr als hundert Fällen, in denen die Gewerkschaft auf grundlegende Arbeitnehmerrechte reagiert hat, stellte CLB fest, dass die offizielle Gewerkschaft regelmäßig Arbeiter abweist oder sie an offizielle Rechtsmechanismen leitet, was die Gewerkschaft beim Schutz der Arbeitnehmerrechte und -interessen einschränkt. (...)
CLB 30.8.2022