Informationsquellen jenseits der "Great Firewall"
Informationen fließen trotz eines ausgeklügelten Zensursystems

(Bild oben: Standbild aus der Doku "All I Know about Teacher Li")
Das China Labour Bulletin galt als renommierteste Quelle über Entwicklungen der Chinesischen Wirtschaft, über Arbeitskonflikte und soziale Kämpfe. Es bedienten sich an dieser Quelle internationale Medien und Gewerkschaften genauso wie Wirtschaftsinstitute.

Die angeblich freiwillige Abschaltung dieses wichtigen Mediums löste einige Besorgnis aus. Man fragte sich, wo man nun seriöse Quellen zu diesen Themen finden könne.
Die Internetzensur mag effektiv sein, doch sie braucht auch ein wenig, um zahllose unerwünschte Kommentare und Nachtrichten aus der Flut an Beträgen in den Sozialen Medien zu löschen. Einige sichern solche Nachrichten schnell auf Festplatte und versorgen damit Aktivisten, die jenseits der Internetsperren auf ausländischen Plattformen Veröffentlichen. Ein großer Teil der Chinesischen Netzcommunity ist in der Lage mit Hilfe von VPN die Great Firewall zu umgehen.
Der Spiegel meinte schnell, in dem Künstler und Medienaktivisten Li Ying einen Nachfolger für Han Dongfang (China Labour Bulletin) gefunden zu haben:
China: Dissident »Lehrer Li« ist der effektivste Regimegegner
Vermutlich kein Staat der Welt investiert so viel in Zensur wie die Volksrepublik. Die Medien sind gleichgeschaltet. Jeder regierungskritische Social-Media-Post wird gelöscht.

An anderer Stelle heißt es in dem Bericht:
Li Ying, 33, Spitzname »Lehrer Li«, ist heute der wohl effektivste Regimegegner Chinas. Er hat etwas geschafft, das die Führung um Machthaber Xi Jinping unbedingt verhindern will: Mit unzensierten Informationen aus der Volksrepublik erreicht er Hunderttausende Landsleute. Auf X hat er zwei Millionen Follower, auf YouTube betreibt er eine tägliche Nachrichtensendung.
Man muß aber nicht zu der Einschätzung des Spiegel kommen, der die Medienarbeit von Lehrer Li für die effektivste hält. Seine Veröffentlichungen gelten als überprüft und seriös, doch wird man von dem Kaleidoskop ungeordneter Nachrichten förmlich erschlagen. Es wird berichtet, was außerhalb der gefilterten staatlichen Nachrichten zu finden ist und dazu gehören Proteste einzelner Personen, große Unfälle, Internetphänomene, Amokfahrten, Popkulturelle Trends und Proteste aller Art.
Als Quelle sind die Medienkanäle unter dem Namen "YesterdayBigCat", kurz "Yesterday-Kanal" für unsere Recherche weitaus hilfreicher. Der Betreiber dieser Nachrichtenformate, Lu Yuyu, sieht sich mit der Arbeiter:innenbewegung verbunden und so fällt auch die gezieltere Auswahl seiner Themen aus. Er hat inzwischen das Land verlassen und setzt seine Arbeit aus dem Ausland fort. Es wurden die Veröffentlichungen auf immer weitere Plattformen erweitert. Inzwischen gibt es neben dem Newskanal bei "X", einen Blog und weitere Kanäle bei Youtube, Instagram und TikTok.

Der Yesterday-Kanal versucht inzwischen die Lücke zu schließen, die die Schließung des China Labour Bulletin hinterlassen hat. Es werden Berichte über zusammenhängende Proteste und Protestwellen gesammelt in Videodokumentationen zusammengefaßt. Es werden die gesammelten Infos über Kämpfe im Land ausgewertet und in Zahlen und Grafiken dargestellt, nach Region, Konfliktform (Landenteignung, Arbeitskonflikt, Mieterprotest etc.), nach Branchen und Teilnehmerzahlen.
Eine weitere Informationsquelle, die sich auf die chinesischen Arbeitsmigranten in aller Welt speziallisiert hat, ist das Projekt haiwaiwang ("Hallo, wie geht es dir?"), das sich als Serviceangebot für chinesische Wanderarbeiter im Ausland etabliert hat. Es werden nicht nur allgemeine Informationen über die Arbeitssituation in verschiedenen Ländern verbreitet, es wird auch eine rechtliche Beratung angeboten.

Auf der Homepage heißt es:
Unsere Unterstützung
Die Arbeit in einem fremden Land kann mit zahlreichen Herausforderungen verbunden sein, darunter Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und die Anpassung an das Arbeitsumfeld. Insbesondere wenn du ungerecht behandelt wirst, beispielsweise bei Lohnstreitigkeiten, schlechten Arbeitsbedingungen oder sogar Misshandlungen, kann unser Team dir professionelle Unterstützung und Rechtsberatung bieten, um sicherzustellen, dass deine Rechte wirksam durchgesetzt werden.
Auf der Hompage und den Social Media Kanälen wird nicht nur über Konflikte und Arbeitskämpfe entlang der "Belt & Road Initiative" berichtet. Das Angebot ist ausgeweitet worden und man versucht, die allgemeine politische und soziale Situation in diesen Ländern zu beleuchten und die Hintergründe von Massenprotesten und Unruhen zu erkären. Es gibt auch etwas politische Bildung, z.B. über die Ausbreitung sklavenähnlicher Arbeitsverhälnisse oder die Geschichte des 1. Mai.
