November 4, 2026

Algorithmische Kontrolle in Ost und West

Ein unterschätztes digitales Paralleluniversum

Algorithmische Kontrolle in Ost und West

Die Berichte dieses Blogs basieren großteils auf Informationen, die den Weg aus chinesischen Social Media mit Hilfe von Medienaktivisten, (die teilweise das Land verlassen mußten) den Sprung über die Great Chinese Firewall geschafft haben. Es wurde in diesem Blog mehrfach über diese Entwicklung berichtet, hier und auch hier. Ein aktueller Fall der Repression wurde vom Hong Kong Labour Rights Monitor veroffentlicht:

Eine Stimme der Arbeiter Chinas ist verstummt.
„Xiaowu“ (Feng Rui), der den WeChat-Account „Chiapas East Wind TV“ betrieb und Arbeitsrechtsverletzungen in ganz China dokumentierte, wurde festgenommen. Bevor er verschwand, wurde sein 100.000 Wörter umfassender Bericht über Arbeitsrecht aus dem Jahr 2025 gelöscht.

HK Labour Rights Monitor 6.8.2026

Yi-Ling Liu ist Journalistin und Autorin des Buches »The Wall Dancers: Searching for Freedom and Connection on the Chinese Internet«.

Yi-Ling Liu zeichnet in „The Wall Dancers“ das Bild eines lebendigen digitalen Ökosystems, das trotz Zensur weit dynamischer ist, als man im Westen gern annimmt.

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Die Freiheiten im Netz sind umkämpft und werden eingeschränkt, nicht nur in China. Yi-Ling Liu und Merle Groneweg beschreiben für Jacobin die aktuellen Möglichkeiten und Beschränkungen im chinesichen Netz im Vergleich mit denen im Westen:

Das chinesische Internet ist ein digitales Paralleluniversum

Chinas Internet war einmal relativ offen. Heute ist es ein streng kontrolliertes Ökosystem, das für Menschen im Westen eine weitgehend unbekannte Welt ist. Aber das heißt nicht, dass das westliche Internet »frei« und das chinesische »autoritär« ist.
(...) Die Vorstellung, dass das amerikanische Internet frei und offen sei, während das chinesische Internet geschlossen und autoritär sei, gerät zunehmend ins Wanken. (...) Doch es fällt zunehmend schwer, diese klare Trennlinie aufrechtzuerhalten. TikTok ist dafür ein gutes Beispiel. Jahrelang bestand die Sorge, dass ByteDance aufgrund seiner Verbindungen zur chinesischen Regierung beeinflussen könnte, welche Inhalte die Nutzer zu sehen bekommen. Nachdem TikTok nun überwiegend an US-amerikanische Investoren und Unternehmen verkauft wurde, bestehen ähnliche Bedenken fort – diesmal wegen der (...) engen Verbindungen zur Trump-Regierung. Die Menschen fragen sich nun, inwieweit Trump und Oracle beeinflussen können, welche Inhalte in den Feeds erscheinen.
Trotz des Eigentümerwechsels bleibt also das grundlegende System algorithmischer Kontrolle bestehen, das eng mit staatlicher Macht und der Macht großer Technologiekonzerne verknüpft ist. Wenn überhaupt, dann ähneln sich die beiden Systeme zunehmend, statt einander als gegensätzliche Modelle gegenüberzustehen.
(...) wir sollten den Erfahrungen und Stimmen der Menschen in China viel mehr Aufmerksamkeit schenken.
Ein gutes Beispiel dafür ist die 996.ICU-Bewegung: Beschäftigte von Microsoft in den USA verfolgten, was mit den Tech-Arbeitenden in China geschah, und tauschten sich über GitHub direkt mit ihnen aus – ohne ideologische Vermittlung oder Dritte, die zwischen ihnen standen.

Jacobin vom 4.10.2026